
LOUIS RENAULT
Paris, 12. Februar 1877.
An diesem Wintertag wird den Eheleuten Alfrede und Berthe RENAULT ein Sohn geboren: Louis.
Louis ist das vierte Kind der Familie, nach ihm werden noch zwei Schwestern geboren. Louis wächst in äußerst geordneten Verhältnissen auf, die Familie hat es zu einigem Wohlstand gebracht. Vater Alfrede ist ein erfolgreicher Tuchfabrikant, sie gehören zur "besseren Gesellschaft". In dieser als "belle epoque" bezeichneten Ära, der "guten alten Zeit", wächst Louis auf.
Alles könnte also in allerbester Ordnung sein.
Könnte sein, wäre da nicht die unglaubliche Abneigung von Louis gegen die Schule und das Lernen. Schon früh treibt er sich viel lieber an den Bahnhöfen und in den Werkstätten der näheren Umgebung herum, er saugt förmlich alles Technische in sich auf. Mechanik fasziniert ihn, Technik treibt ihn an. Sehr zum Missfallen der Eltern, doch letzten Endes müssen sie den Kampf verloren geben.
Im Alter von elf Jahren geht Louis im Wortsinne ein Licht auf: Durch ein von ihm erdachtes System von Kordeln und Schnüren lässt er Zinkstäbchen in eine von ihm selbst gebaute Säulenbatterie gleiten. Und erhellt so sein Zimmer mit seinem eigenen elektrischen Licht. Nur ein Jahr später, im Jahre 1889, staunen Lokführer und Heizer des Zuges Paris-Rouen nicht schlecht, als der zwölfjährige Louis während der Fahrt aus dem Kohlenhaufen des Tenders klettert. Seine Erklärung: Er wolle doch nur aus erster Hand erfahren, wie eine solche Lokomotive funktioniert. Nur wenig später konstruiert der technische Wunderknabe ein eigenes Dampfschiff mit einem Dampfkessel von Serpollet. Und dieses Schiff erhält ganz offiziell die amtliche Zulassung für den Schiffsverkehr. Im gleichen Jahr baut Gustave Eiffel seinen Turm am Ufer der Seine. Anlässlich der Weltausstellung soll dieser Turm der Welt zeigen, welch großartige Techniker die Franzosen sind. Aber die meisten Zeitgenossen schreckt dieses Monstrum aus Stahl ab. Doch der junge RENAULT ist begeistert, diese Konstruktion, so wird er selbst später einmal berichten, bewegt ihn dazu, Automobile zu bauen. Aber Louis ruht und rastet nicht, mit dreizehn Jahren bedrängt er den alten Serpollet, der zu den Pionieren des Dampfgetriebenen Automobils zählt (Peugeot baut zu dieser Zeit seinen "Peugeot 1" mit Serpollet-Antrieb), bis dieser dem jungen RENAULT die Feuertaufe gibt. Louis, dessen Neugierde und Beharrlichkeit dem alten Konstrukteur imponieren, steuert selbst ein Automobil. Nun ist es endgültig klar: Auch er selbst wird sein eigenes Automobil bauen.
Louis ist schon von Kindesbeinen an beharrlich, er muß seinen Willen haben. Im Alter von vierzehn Jahren bettelt er so lange bei seinem Vater, bis dieser ihm einen alten Panhard-Motor kauft. Die Familie Renault besitzt vor den Toren von Paris, in Billancourt einen Landsitz. Auf dem Gelände befindet sich auch ein kleiner Schuppen. Diesen Schuppen nutzt Louis nun fortan, um dort den alten Motor zu studieren. Stunde um Stunde, Tag für Tag bastelt er an dem Motor, begutachtet jede Schraube, jedes Teil. Bis er weiß, wie so ein Motor funktioniert. In der Zwischenzeit täuscht er geschickt vor, sich für die Aufnahme an der Ecole Centrale vorzubereiten. Allerdings besteht er dort lediglich das Examen im Fach "Kunsthandwerk"!
Die verzweifelten Eltern klammern sich an die vage Hoffnung, der Militärdienst würde den verstockten Faulpelz wieder auf den rechten Weg führen. Doch Louis lebt mittlerweile in seiner eigenen Welt. Der Welt des zu dieser Zeit noch jungen Automobils. So nutzt er die Zeit beim Militär, um weiter an seinen Erfindungen zu arbeiten, er grübelt über technischen Problemen, spart seinen Sold eisern, und kann den Tag des Abschieds kaum mehr erwarten. Nach seinem Abschied vom Militär ersteht Louis einen günstigen deDion 3/4PS-Wagen. Er zieht sich in den Schuppen von Billancourt zurück, um weiter an seinen Ideen zu arbeiten. Zeitgleich arbeitet er aber auch weiter an der damals modernen Dampftechnik, noch ist der Siegeszug des Benzinmotors nicht selbstverständlich, die etablierten Automobilbauer experimentieren mit vielerlei Antriebsmöglichkeiten, sogar Elektromobile sind in dieser Zeit eine Alternative, zeitweise überflügeln diese sogar die benzinbetriebenen Fahrzeuge. So konstruiert Louis 1897 einen Dampfkessel, für den er bei Delaunay-Belleville einen Lizenznehmer findet. Darüber hinaus bekommt er dort eine (kurzzeitige) Anstellung als Konstruktionszeichner, er schafft in dieser Zeit sogar das Facharbeiter-Examen.

Dieser Schuppen hinter dem Landhaus der Eltern wird zur zweiten Heimat von Louis, er grübelt an einem ganz bestimmten Problem, dem Antrieb eines Automobils. In den Anfangsjahren des Automobils ist es üblich, die Fahrzeuge über Ketten, manchmal sogar über Lederriemen anzutreiben. Eine sehr anfällige und unsichere Methode. Louis ist rastlos, er stellt zwei Arbeiter an, arbeitet Tag und Nacht an seinem Projekt. Er schafft es, den deDion so umzubauen, daß er die bisherige Transmission durch ein Getriebe mit direkter Schaltung ersetzt. Eine an sich schon revolutionäre Erfindung. Doch Louis ersetzt auch die Antriebskette durch eine starre und stabile Verbindung, den ersten "Antrieb ohne Ketten". Louis RENAULT hat die Kardanwelle erfunden! Er hat den deDion nach seinen Vorstellungen verändert, an einem Novembertag des Jahres 1898 ist es endlich so weit. Louis unternimmt eine erste Testfahrt mit seinem Prototypen. Ein paar mal fährt er am Ufer der Seine entlang, bringt dabei den Wagen auf eine für damalige Verhältnisse sensationelle Geschwindigkeit von rund 50 Kilometern in der Stunde.
Louis arbeitet weiter an dem Prototypen, die letzten Arbeiten an seinem Traum, seinem eigenen Automobil, sind in vollem Gange
Paris, am Weihnachtstag des Jahres 1898. Die Passanten staunen nicht schlecht, als der kleine Wagen die dreizehnprozentige Steigung der Rue Lepic unter die schmalen Räder nimmt, problemlos erreicht der Wagen Montmartre. Louis RENAULT ist zufrieden, er hat es geschafft. Am Abend trifft er sich mit Freunden und Bekannten in einem Wirtshaus in der rue de Helder, die begeisterte Menge bestaunt das Automobil von Louis, die moderne Technik begeistert die Anwesenden. Im Laufe dieses Abends erhält Louis RENAULT zwölf Aufträge für sein "Autochen", seine Voiturette. Der Weihnachtsabend 1898 gilt als Geburtsstunde des RENAULT Konzerns.
Nun beginnt das Abenteuer des Unternehmens, der "Societé RENAULT Frères".
Ergänzende Erläuterungen:
In verschiedenen Quellen wird das Geburtsdatum von Louis RENAULT einmal mit 12. Februar, einmal mit 15. Februar angegeben, der 12. Februar wird aber bei RENAULT offiziell angegeben. Über die Familie RENAULT ist nichts (oder kaum etwas) bekannt. Geburts- und/oder Sterbedaten der Eltern konnten bis zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung leider nicht recherchiert werden. Lediglich das Todesjahr des Vaters wird einmal mit 1891 angegeben, einmal sehr vage um das Jahr 1904. Auch beim Vornamen der Mutter, sie soll die Tochter eines wohlhabenden Kaufhausbesitzers gewesen sein, gibt es Abweichungen. In einigen Quellen ist Berthe als Vorname angegeben, andere Quellen nennen Louise als Namen. Louis RENAULT soll das Lycée Concordet besucht haben, was aber auch nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte. Natürlich werden die Schilderungen auf diesen Seiten ständig ergänzt, sollten sich hier zuverlässige Quellen finden.